DIE WELT DES
NEUEN TESTAMENTS
In welche Welt wurde Jesus hineingeboren?
BIBEL STUDIE
Die Welt des Neuen Testaments ist die Welt, in der Jesus lebte. Und um seine Worte, sein Handeln und seine Botschaft wirklich zu verstehen, müssen wir diese Welt kennenlernen. Jesus kam nicht in eine „religiöse Blase“, sondern in eine ganz konkrete historische, politische und kulturelle Welt.
Paulus schreibt in dem Brief an die Galater (4,4):
„Als sich aber die Zeit erfüllt hatte, sandte Gott seinen Sohn, zur Welt gebracht von einer Frau und dem Gesetz unterstellt.“
Gott wählte bewusst diesen Zeitpunkt der Geschichte. Es war kein Zufall. Es war ein Eingreifen in eine konkrete Welt – eine Welt voller Spannungen, Machtkämpfe und kultureller Umbrüche.
Wann wurde Jesus geboren?
Historiker gehen davon aus, dass Jesus sehr wahrscheinlich zwischen 8 und 4 v. Chr. geboren wurde. Vieles spricht für die Jahre 8/7 v. Chr. – warum?
Ein wichtiger Anhaltspunkt ist Herodes der Große, der zur Zeit von Jesu Geburt über Judäa herrschte. Das Matthäusevangelium berichtet, dass er alle männlichen Kleinkinder töten ließ, weil er die Geburt eines neuen „Königs der Juden“ fürchtete. Maria und Josef flohen daraufhin mit Jesus nach Ägypten.
Herodes starb 4 v. Chr. Nach seinem Tod war die unmittelbare Gefahr vorüber. Jesus dürfte zu diesem Zeitpunkt etwa drei bis vier Jahre alt gewesen sein.
Die intertestamentale Periode – 400 Jahre der „Stille“
Wenn du die Bibel in auf der Zeite zwischen dem Alten und dem Neuen Testament aufschlägst, liegen darin mehr als 400 Jahre Geschichte. Diese Phase nennt man die intertestamentale oder zwischentestamentliche Zeit.
Sie beginnt mit dem Propheten Maleachi (ca. 420 v. Chr.) und endet mit dem Auftreten von Johannes dem Täufer (ca. 30 n. Chr.).
Diese Zeit wird oft als „stille Zeit“ bezeichnet, weil viele Juden davon ausgingen, dass Gottes Reden durch die Propheten geendet hatte. Dennoch war sie alles andere als ereignislos.
In dieser Phase:
wechselten politische Großmächte,
entstand eine starke griechische Prägung der Welt,
entwickelten sich Gruppierungen innerhalb der Juden.
Die Makkabäer Bücher berichten von den Ereignissen jener Zeit. Vielleicht hast du schonmal von ihnen gehört: Sie zählen zu den deuterokanonischen Schriften. Das bedeutet sie sind in der katholischen Tradition enthalten, im jüdischen und protestantischen Kanon – also den als autoritativ anerkannten biblischen Schriften – jedoch nicht.
Diese 400 Jahre bereiteten maßgeblich die Bühne für das Kommen Jesu und die spätere Ausbreitung des Christentums.
Drei Kulturen – eine explosive Mischung
Zur Zeit Jesu trafen schließlich drei große kulturelle Kräfte aufeinander:
- Die Juden
Zur Zeit Jesu waren „die Juden“ in erster Linie eine Nation – ein kultureller und ethnischer Zusammenschluss – noch nicht das, was wir heute als „Judentum“ im religionsgeschichtlichen Sinn verstehen.
Ihre Identität war geprägt durch Abstammung, das Gesetz, den Tempel und Tradition. Innerhalb dieser Nation gab es verschiedene Gruppierungen: Sadduzäer, Pharisäer, Essener und Zeloten. Diese Gruppen unterschieden sich in Theologie, politischer Haltung und Lebensweise.
- Die Griechen
Die Griechen prägten die Welt durch: Philosophie, Bildung, Sprache und Kultur. Durch die Eroberungen von Alexander dem Großen in der intertestamentalen Periode verbreitete sich die griechische Sprache im gesamten Mittelmeerraum. Griechisch wurde zur „Weltsprache“ – und genau in dieser Sprache wurde später das Neue Testament verfasst.
- Die Römer
Die Römer waren die politische Macht. Sie herrschten militärisch und administrativ über große Teile der damals bekannten Welt.
Zur Zeit Jesu stand Judäa unter römischer Kontrolle. Das politische Klima war angespannt. Die Juden empfanden die römische Besatzung als demütigend. Es herrschte generationsübergreifender Hass – gespeist durch Kriege, Unterdrückung und Gewalt.
Feind gegen Feind
Diese drei Kulturen waren nicht isoliert voneinander, sondern eng miteinander verwoben. Die diese Überschneidung funktionierte keineswegs harmonisch. Sie war – nicht zuletzt durch die Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte – geprägt von Misstrauen, Machtkämpfen und Feindseligkeit.
Juden hassten die Römer.
Römer verachteten viele der unterworfenen Völker.
Griechen galten als kulturell überlegen.
Jesus kam nicht in eine friedliche Welt. Er kam in eine Welt voller Hass, politischer Spannungen, moralischer Verwerfungen und Machtmissbrauch.
Und genau in diese Welt hinein sprach er Worte wie:
„Ein neues Gebot gebe ich euch: dass ihr einander liebt. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ Johannes 13,34.
„Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ Matthäus 5,43–44.
Das war revolutionär in einer Welt, in der Misstrauen, Gewalt und Vergeltung den Alltag bestimmten. Ehre wurde verteidigt, Schande gerächt. Wer Macht hatte, setzte sie durch. Wer unterdrückt wurde, wartete auf den Moment der Vergeltung. Viele hofften auf einen Messias, der politisch befreien, Feinde besiegen und Israel zu alter Stärke zurückführen würde.
Jesu Worte sind mehr als ein moralischer Appell. Es ist eine radikale Neudefinition von Stärke. Jesus verschiebt den Fokus von äußerer Macht zu innerer Haltung, von Vergeltung zu Vergebung, von Abgrenzung zu Versöhnung. Jesus ruft zu einer Liebe auf, die Grenzen überschreitet – ethnische, politische und religiöse. Er fordert nicht weniger als eine neue Art zu leben.
Deshalb war seine Botschaft so herausfordernd. Und deshalb ist sie es bis heute.
Warum sollte uns die Welt des 1. Jahrhunderts interessieren?
Wenn wir das Neue Testament lesen, begegnen wir ständig dem Einfluss:
der jüdischen Tradition,
der griechischen Denkweise,
der römischen Machtstruktur.
Ohne diesen Hintergrund überlesen wir vieles oder missverstehen es.
Wir haben keine Zeitmaschine, aber wir können studieren, lernen und verstehen. Je besser wir die Welt kennen, in die Jesus kam, desto tiefer begreifen wir, wie radikal, wie mutig und wie transformierend seine Botschaft wirklich war.
Jesus kam nicht in eine perfekte Welt. Er kam in eine zerbrochene Welt – und das macht seine Botschaft ist bis heute so kraftvoll.